Reflexive und reziprok Verben

Reflexive und reziproke Verben stehen mit dem Pronomen sich. Das Pronomen bezieht sich auf das Subjekt des Satzes und passt sich in Person und Numerus an dieses an:

Ich ärgere mich.
Du freust dich.
Er/sie/es wäscht sich.
Wir benehmen uns vorbildlich.
Ihr helft euch (gegenseitig).
Sie freunden sich (miteinander) an.

Reflexive Verben


Bei den reflexiven Verben (rückbezüglichen Verben) bezieht sich das Pronomen zurück auf das Subjekt des Satzes. Sie stehen immer mit dem Reflexivpronomen sich. Beispiele:

sich ärgern
sich freuen
sich waschen
sich benehmen
sich verschlucken
sich Sorgen machen

Reziproke Verben


Im Gegensatz dazu drückt das Pronomen bei den reziproken Verben nicht ein rückbezügliches, sondern ein wechselseitiges Verhältnis aus:

Franz und Herbert gleichen sich.
= Franz gleicht Herbert und Herbert gleicht Franz.

Reziproke Verben stehen mit dem reziprok verwendeten Reflexivpronomen sich oder mit dem Pronomen einander. Beispiele:


sich/einander begrüßen
sich/einander helfen
sich (miteinander) vertragen
sich (miteinander) verbrüdern

 

*Nicht reflexiv/nicht reziprok* 
*Reflexiv*
Reziprok
Atefeh ärgert die Lehrerin. Die Lehrerin ärgert sich. Sie ärgern sich (gegenseitig).
Sie ärgern einander.
Ihr wascht die Hände. Ihr wascht euch (selbst). Ihr wascht euch (gegenseitig).
Ihr wascht einander.
Askim helft Seher. Wir helfen uns (selbst). Wir helfen uns (gegenseitig).
Wir helfen einander.
Alle hassen die Grammatik. Sie hassen sich (selbst). Sie hassen sich (gegenseitig).
Sie hassen einander.
Wir treffen uns am Luisenplatz.   Wir treffen uns dort.
Wir treffen einander dort.
  Sie schämen sich.  
  Wir beeilen uns.  
    Sie vertragen sich wieder.
    Ihr habt euch verkracht.

sich beeilen, sich ärgern, sich rasieren

Reflexive Verben
      „Echte“ reflexive Verben
  Reflexive Verbvarianten
  Reflexiv verwendete Verben
Reflexive Formen zum Ausdruck des Passivs

„Echte“ reflexive Verben

Sogenannte echte reflexive Verben sind Verben, die immer mit einem Reflexivpronomen stehen müssen:

Mit Akkusativ:
sich auskennen (ich kenne mich aus), sich beeilen, sich bewerben, sich betrinken, sich erholen, sich ereignen, sich räuspern, sich schämen, sich verirren, sich verlieben usw.

Mit Dativ:
sich etwas aneignen (ich eigne mir etwas an), sich etwas anmaßen, sich etwas einbilden usw.

Echte reflexive Verben erkennt man unter anderem daran:

Das Reflexivpronomen kann nicht weggelassen werden:
Ich beeile mich. Nicht: Ich beeile.
Der Mann bildet sich etwas ein.    Nicht: Der Mann bildet etwas ein.
     
Das Reflexivpronomen kann nicht durch ein anderes Pronomen oder ein Substantiv ersetzt werden:
Ich beeile mich. Nicht: Ich beeile euch.
  Nicht: Ich beeile die Kinder.
Der Mann bildet sich etwas ein.    Nicht: Der Mann bildet ihnen etwas ein.
  Nicht: Der Mann bildet seinem Sohn etwas ein.
     
Nach dem Reflexivpronomen kann nicht gefragt werden:
Ich beeile mich. Nicht: Wen beeile ich?
Der Mann bildet sich etwas ein.    Nicht: Wem bildet der Mann etwas ein?

Reflexive Verbvarianten

Wir sprechen von einer reflexiven Verbvariante, wenn ein Verb mit dem Reflexivpronomen eine andere Bedeutung oder eine andere Satzkonstruktion hat als ohne das Reflexivpronomen:

Reflexive Verbvariante     Nicht reflexive Verbvariante
sich ärgern = Ärger empfinden   ärgern = Ärger verursachen
Ich ärgere mich   Ich ärgere ihn.
sich auf jemanden verlassen = auf jemanden vertrauen   jemanden verlassen = bei jemandem weggegehen
Sie verlässt sich auf ihren Mann.   Sie verlässt ihren Mann.
sich vor jemandem fürchten.   jemanden fürchten.
Wir fürchten uns vor ihnen.
  Wir fürchten sie.


Die reflexive Verbvariante verhält sich wie ein „echtes“ reflexives Verb:

  • Das Reflexivpronomen kann nicht wegglassen werden,
  • Das Reflexivpronomen kann nicht durch ein anderes Pronomen oder ein Nomen ersetzt werden,
  • Man kann nicht nach dem Reflexivpronomen fragen,

ohne dass dadurch ein inkorrekter Satz entsteht oder die Bedeutung des Verbs sich ändert.

sich ärgern „Ärger empfinden“:
Nicht: Ich ärgere. falsch
Nicht: Ich ärgere ihn. Bedeutung ändert von „Ärger empfinden“ zu „Ärger verursachen“.
Nicht: Wen ärgere ich?   Bedeutung ändert von „Ärger empfinden“ zu „Ärger verursachen“.
   
sich vor jemandem/etwas fürchten:
Nicht: Wir fürchten vor ihnen. falsch
Nicht: Wir fürchten euch vor ihnen. falsch
Nicht: Wen fürchten wir vor ihnen?   falsch

Reflexiv verwendete Verben

Reflexiv verwendete Verben sind Verben, bei denen das Reflexivpronomen an der Stelle eines anderen Pronomens oder eines Nomens steht. Die Bedeutung des Verbs ändert sich dabei nicht:

Reflexive Verwendung    Nicht reflexive Verwendung
Der Mann wäscht sich.   Der Mann wäscht den Wagen.
Der Frisör rasiert sich.   Der Frisör rasiert den Kunden.
Du widersprichst dir.   Du widersprichst der Direktorin.
Sie achten gut auf sich.   Sie achten gut auf ihn.


Das Reflexivpronomen übernimmt im Satz dann die Rolle eines Objektes, wenn das Objekt mit dem Subjekt identisch ist. In diesem Fall muss sogar ein Reflexivpronomen verwendet werden:

Der Mann wäscht sich. nicht = Der Mann wäscht den Mann.
  nicht = Der Mann wäscht ihn.


Reflexivpronomen können die Rolle aller Arten von Objekten übernehmen: 

Akkusativobjekt: Er wäscht sich.
  Du hast dich verletzt.
   
Dativobjekt: Du widersprichst dir häufig.
  Er gönnt sich eine Pause.
   
Präpositionalobjekt: Achtet gut auf euch!
  Sie adressieren den Brief an sich
   
Genitivobjekt
(gehoben, selten):
Damit spotten sie ihrer.


Reflexiv verwendete Verben erkennt man unter anderem daran:

Das Reflexivpronomen kann durch ein anderes Pronomen oder ein Substantiv ersetzt werden, ohne dass sich die Bedeutung des Verbs ändert:
Er rasiert sich. Er rasiert den Kunden
  Er rasiert ihn.
Achtet gut auch euch! Achtet gut auf die Kinder!
  Achtet gut auf sie!
   
Nach dem Reflexivpronomen kann gefragt werden:
Er rasiert sich. Wen rasiert er? Sich.
Sie adressieren den Brief an sich. An wen adressieren sie den Brief? An sich.
   
Das Reflexivpronomen kann verneint werden:
Er rasiert sich. Er rasiert nicht sich, sondern den Kunden.
Er gönnt sich eine Pause. Er gönnt nicht sich, sondern nur den anderen eine Pause.
   
Das Reflexivpronomen kann mit selbst (umgsprachlich auch selber) verstärkt werden:
Er rasiert sich. Er rasiert sich selbst.
Sie adressieren den Brief an sich. Sie adressieren den Brief an sich selbst.
Sie hat sich zur Party eingeladen. Sie hat sich selbst zur Party eingeladen.

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